Von oben betrachtet

Wer aus einer Raumkapsel auf die Erde schaut denkt wahrscheinlich nicht als erstes an Müllmengen, Feinstaubfraktion oder steigenden Verkehrsaufwand. Angesichts der überwältigenden Sicht treten alltägliche Dimensionen in den Hintergrund. Astronauten begreifen jedoch in diesem Moment unseren Heimatplaneten als Kleinod, das es zu schützen gilt. Diese begrüßenswerte Erkenntnis möchte man am liebsten tütenweise verschenken – bloß wie?

Immerhin hat die gebetsmühlenartige Wiederholung apokalyptischer Prophezeiungen im vergangenen Vierteljahrhundert dafür gesorgt, dass eine große Problematik weithin bekannt ist – die Erde erwärmt sich mit gravierenden Folgen für unser gesamtes Ökosystem. 80% der Menschen glauben, dass die Erderwärmung durch den Menschen verursacht wird und halten den Klimawandel für eines der größten globalen Probleme.

Das Ziel, den Klimawandel zu verlangsamen, wird von einer breiten Öffentlichkeit unterstützt. Weniger einig ist man sich darüber, was dafür getan werden soll und von wem. Den Umstieg auf erneuerbare Energien begrüßen z.B. die meisten Deutschen (ca. 80%) während nur etwas mehr als die Hälfte für ein Tempolimit auf den Autobahnen ist, aktiv für den Umweltschutz engagieren sich gar nur 9%.

Zwischen dem Problembewusstsein und der Bereitschaft etwas zur Lösung beizutragen, klafft offensichtlich eine Lücke. Hinzu kommt, dass viele Menschen ihr Verhalten für umweltfreundlicher halten als es tatsächlich ist: Laut einer europäischen Studie behaupten 75% der Europäer, dass sie umweltfreundliche Produkte kaufen, aber nur 17% derselben Leute haben dies auch in den letzten Monaten getan.

Warum fällt der Einstellungswechsel so schwer? Andere sollen etwas tun – Regierungen, Unternehmen und andere Mitbürger. Manche wissen auch nicht so recht was sie persönlich eigentlich genau für den Umwelt- bzw. Klimaschutz tun sollen. Von der Schwierigkeit, langjährige Gewohnheiten zu ändern, Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit sprechen Befragte. Viele begnügen sich auch mit symbolischen Handlungen – hier mal eine Energiesparlampe gekauft, dort eine Jutetasche – ohne sich ihrer tatsächlichen CO2 Bilanz bewusst zu sein.

Das ist menschlich verständlich und trotzdem unglaublich – schließlich geht es nicht nur darum, die eigene Lebensgrundlage und die unserer Kinder zu sichern. Wir haben Mutter Natur viel mehr zu verdanken als nur die reine Beherbergung und das tägliche Brot. Die Natur erscheint als Inbegriff des guten Lebens, das es zu schützen gilt.

„In manchen Momenten kommt es mir vor, als sei unsere Erde ein lebendiges Wesen“, schreibt der deutsche Astronaut Alexander Gerst zu seinen Fotoaufnahmen der Erde aus dem Weltraum. Raumfahrer, die die Weltkugel zum ersten Mal von oben sehen, sprechen vom „Overview-Effekt“ – einer Erfahrung, die die Perspektive auf die Erde und die darauf lebende Menschheit verändert. Sie fühlen Ehrfurcht, eine tiefe Verbundenheit, sowie eine grundlegende Verantwortung für unsere Umwelt.

Wer selbst gesehen hat, wie klein und zerbrechlich die Erde vom Weltraum aus aussieht, wie dünn die Hülle ist, die den sofortigen Tod allen Lebens verhindert, bekommt Lust, das Anliegen Klimaschutz zu seiner eigenen Sache zu machen.

Wenn wir als Normalsterbliche schon nicht in den Genuss kommen, von oben herunter zu schauen, besteht immerhin die Möglichkeit, den Blick gen Himmel schweifen zu lassen und dort bei klarer Sicht das ein oder andere Naturschauspiel zu entdecken, das einem für einen Moment den Atem verschlägt – z.B. in einer sternenklaren Nacht möglichst in unbeleuchteter Umgebung, im Sternenpark. Das Brandenburger Örtchen Gülpe gilt als dunkelstes in Deutschland, was in diesem Zusammenhang ja durchaus seinen Charme hat.

In diesem Jahr feierte übrigens Hubble 25. Geburtstag – das Weltraumteleskop ermöglichte es erstmals, scharfe Bilder von allen möglichen Phänomenen des Universums zu schießen. Mit Hubble konnten Forscher das Alter des Universums bestimmen und die ersten Galaxien nach dem Urknall aufspüren. Heraus kam eine Menge märchenhafter Bilder, die man sich gut mal in der Mittagspause, zwischen den Feiertagen oder beim Warten auf die Bahn auf einer eigens eingerichteten Website anschauen und herunterladen kann.

Den passenden Soundtrack steuerte David Bowie bereits 1969 mit seinem Album Space Oddity bei. Inspiriert wurde der Musiker von Stanley Kubricks Film 2001: A Space Oddity, einer sciencefictionhaften Evolutionsgeschichte der Menschheit des früh verstorbenen Kultregisseurs.

Wer sich, auf die ein oder andere Weise inspiriert, entschlossen hat etwas Grips und Energie in den Umwelt- und Klimaschutz zu stecken, kann sich ausrechnen, dass der Einfluss eines kleinen vereinzelten Wesens nicht bahnbrechend ist im Vergleich zum Beispiel mit dem ganz und gar nicht kleiner Nationen wie den USA oder China – die jeweils mächtige Mengen an Kohlendioxid ausstoßen und bis heute das Kyoto-Protokoll nicht ratifiziert haben. Bei der UN-Klimakonferenz im Dezember in Paris wird ein Nachfolgevertrag für das Protokoll mit verbindlichen Klimazielen verhandelt. Experten halten dies für die letzte Chance, die nötigen Emissionsreduzierungen noch auf den Weg zu bringen wenn das Ziel erreicht werden soll, dass sich die Erde nicht um mehr als zwei Grad gegenüber vor der Industrialisierung erwärmt.

Bin ich nun ein Schaf wenn ich regelmäßig brav meine Batterien zurück zum Drogeriemarkt trage und die Verspätungsorgien der Bahn ertrage statt bequem in den Flieger zu steigen? Ich glaube nicht, im Sinne der Idee: Wir sind alle Teil des Problems, wir können auch Teil der Lösung sein.

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Jenny Möller Verfasst von:

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